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CARPE DIEM UND MEMENTO MORI

Carpe Diem und Memento Mori

Ich erzähl euch eine Geschichte, weniger aschblondes Aschenputtel, mehr rabenschwarze Stiefmutter, weniger gerettete Zieglein, mehr Wolf gesättigt an Ziegenfrischfleischfutter, weniger Hans im Glück sondern viel mehr abartig verrückt.


Ich hatte mal ein typisches deutscher Allerweltsleben, Perfektion des 08/15 Traumes.
Ich war ein Maßstab des Bruttosozialproduktes, treu zur Frau, aufstrebender Hoffnungsträger meines Berufes, beide Beine nicht nur fest, gar verwurzelt und verankert und verschlingelt im Leben, produktives Mitglied im alltäglichen Kreisel des banalen Alltagstaumels.
Persönliche Grundsätze, fest internalisiert, baute vorsichtige Schlösser der Zukunft, aus altbewährten Träumen und latenten Optimismus perfektioniert.
Es war ein gutes Leben, meine Gesundheit, meine Hobbies, mein Freundeskreis, meine Beziehung und nach langen Suchen und oft mich selbst verlieren endgültig angekommen, stabil stehenden in der endlosen Möbiusschleife des alltäglichen Rythmus.
Carpe diem statt Memente mori, „Nutze den Tag“ statt „Gedenke des Todes“, „Alles wird gut“ statt von Regen in die Traufe, mittendrin statt nur dabei, Lebenstraum statt vogelfrei.

Bis…
ich eines Tages erwachte, auf einmal statt aschblondes Aschenputtel mehr rabenschwarze Stiefmutter, statt gerettete Zieglein mehr böser Wolf mit Ziegenfrischfleischfutter, weniger Hans im Glück sondern viel mehr Pechmarie, deren Serotin einen Produktionsstop initiierte und etliche verschlungene Gänge in meinem Hirn das ganze System endgültig und vollkommen kontaminieren und verifizieren.

Und die Folge? Ich als angehende Möchtegern-Poetin,ich muss nun auf platte Klischees zurückgreifen, Stigmatas ausbauen und bestätigen und begreifen, um eine Krankheit zu beschreiben, schon längst dank Bild und volkstreibender Hysterie degradiert und glorifiziert.
Und auf ein Mal: Memento mori statt carpe diem. „Gedenke des Todes“ statt „Nutze den Tag“, von Regen in die Traufe statt ein „Alles wird gut“, nicht mehr dabei statt mittendrin, Vogelfrei statt Lebenstraum.

Zwischenstopp: Einige Symptome einer Depression. Tiefe andauernde Niedergeschlagenheit über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen, bleiernde Müdigkeit in allen Knochen, schlaflose Nächte und frühmorgendliches Erwachen, dabei gefangen in immer derselben gottverdammten Gedankenschleife, wo ich weniger das lebendige Leben sondern vielmehr den verführerischen Gedanken an den Tod eines verdorbenen Lebens als Ausweg begreife.
Zwischenstopp Ende.

Die Tage versinken im endlosen Grau, Sekunden tropfen sirupartig und bedeutungslos von meiner Lebensuhr, innere Müdigkeit erschlägt mich nur, weiße Fahne hoch an den Mast des Scherben-Lebenshaufen, vollkommen den dunklen Gedanken liegend ersaufen.
Niedergeschlagenheit, Perspektivlosigkeit, Antriebslosigkeit, alles unzulängliche Schlagwörter, abgenutze Synonyme, stattdessen absolutes und allesumfassendes Nichts, die Zukunft eine endlose belanglose nichtsumfassende Wüste, jede noch so kleine Tat verwandelt in eine komplettaumfassende Unmöglichkeit der reinen Aktion, inneren Stimmen erliegen, die sich lauthals verdreht und verführerisch pessimistisch bekriegen.

„Du bist ein Niemand, gesteigert noch ein unproduktives langweiliges Nichts, zu feige zu sterben, zu schwach um ans Leben zu denken“
„Fortwährend sich aus dem Glück hinausdenkend, unzählige Lebenszeit sinnlos imm schwarzen Trauerkleid verschenkend.“

Und gerade als ich aufgeben wollte, ausgeträumt der deutsche Traum, nicht mal mehr ein Wir mehr, sondern nur noch ein verlorenes Ich, kein carpe diem nur noch memento mori, krank im Kopf und ausgestoßenes unproduktives Mitglied der Bruttosozialproduktmaschinerie
…da schwang ich mich in die höchsten Höhen auf, mein krankes Hirn verteilt Dopamin als wäre es im Ausverkauf, kein Ziel unerreichbar, auf den Wolken schwebend und fern von mir verbringe ich Tage verschleudernd in den wilden Rausch meiner eigenen erschaffen Produktionsmaschinerie, eine absolute, glorifizierte und höchst willkommende Achterbahn der Manie.

Zwischenstopp: Einige Symptome einer Manie. Einen Zustand höchster Euphorie über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen, Adrenalin kreiselt kochend durch meine Knochen, irrsinger verschwungener Kopfsalat, Schlaf nichts weiter als an meiner Kreativität vollzogener Verrat, vollkommen high wie auf Koks der Realtität entfliehen ohne auch nur eine einzige Line zu ziehen.
Zwischenstopp Ende.

Aschblondes Aschenputtel die ihre rabenschwarze Stiefmutter zerhackt, Zieglein die den Wolf an der Kehle gepackt, Hans im Glück mit carpe diem statt memento mori und Kippen auf den Lippen.

Exzesiv arbeiten, Job um Job und Idee um Idee verschleißen, in einer endlos scheinenden Partyreihe betrunken im zuckenden Licht der Discos unbekannte Lippen zerreißen, betrunken Auto fahren, alles Geld versaufen, nächtelang schreiben und trinken und feiern und ficken und palavern und kalaudern und mich selbst und meine fantastischen Ideen bejubeln, getrieben von einer überstürzenden Wörterflut in meinen kranken Kopf und stehend das Leben beklatschend im Glanze meiner selbst initierten Glori.
Carpe diem statt memento mori.

Aber je höher der Flug, desto tiefer der Fall, je krasser die Überschallgeschwindigkeit desto lauter der Knall, stehend vor den Scherbenhaufen meines Lebens, denn die Manie ist als eine überdrehte Fahrt ins Verderben gegeben.
Emotional ausgelaugt und wieder tief in den blutigen zupackenden Klauen meiner Depression verfangen, wünsche ich mir, ich hätte mich während der Manie schlicht und einfach…erhangen.
Memento mori statt carpe diem.

Und was mir am Ende bleibt:
Der Freifahrtsschein in den exklusiven Klub der psychisch Gestörten, Kopf kaputt, Plem plem, den Knall nicht gehört, irre bis zum Anschlag verstört, ein weiteres kaputtes Mitglied der bipolaren Trauergemeinde, weggesperrt in Kliniken im Kampf mit dem manisch-depressiven Feinde.

Abhängig von Tabletten, die den Rythmus meines Lebens bestimmen, mich bändigen, ruhig stellen, mich davon abhalten in das tiefste Tief zu fallen oder das höchste Hoch zu erklimmen. Stattdessen schlurfend wie ein Zombie durch die Überreste meines einstmal 08/15 banalen aber perfektionierten Lebens, ständig schwankend an der Borderline zwischen „alles ist möglich“ und „Kapitulation des resignierten Aufgebens“.

Was mir am Ende bleibt:
Die Erkenntnis, dass das Leben dich hart und brutal fickt, dass das Bipolare dich auf eine irrsinnige zerstörende loopingschlagende Achterbahn schickt, dass das Leben nichts weiter ist als ein schwankendes schwaches scheinheiliges Gebäude aus Schaum ist und die Erkenntnis, dass das Gehirn nicht mehr als ist als ein zerstörbares Gebilde aus Trug und List und dass das wahre Leben kein Happy Ending ist.

Das Wissen, dass psychische Gesundheit nicht selbstverständlich ist, sondern dass man sich selbst verlieren kann, vollständig und komplett,
so dass ich in meinem Spiegel kein bisschen mehr von meinem alten Ich entdeck.
Die Erkenntnis, dass ein hoher Flug auch einen tiefen Fall impliziert, dass mein Leben nun aus einen endlosen Krieg besteht, in dem mein Ich so unzählige Schlachten verliert.

Was mir am Ende bleibt:
Die Erkenntnis, dass der schwarze Mann, der schlimmste Feind, der allesumfassende Zerstörer nie jemand Fremdes war.
Sondern dass es schlicht und einfach am Ende das ist, was ich in meinen Spiegeldbild sah.

by ISABEL

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